Buchmesse 2010

Über die Trends der Branche informieren, Ideen und Anregungen holen, Kundinnen und Kollegen treffen: Die Frankfurter Buchmesse Anfang Oktober ist ein fester Programmpunkt in meinem Terminkalender. In diesem Jahr habe ich gleich den ersten Messetag genutzt, um Bücherluft zu schnuppern. Und die riecht längst nicht mehr nur nach Papier, sondern zunehmend auch nach Plastik und Platinen: «Digital Content» heißt das denglische Schlagwort.

Der Hype um E-Book-Reader der vergangenen beiden Jahre hat sich etwas abgekühlt. Der Markt wird zunehmend unübersichtlich. Gleich zwei Anbieter haben im Laufe des vergangenen Jahres die Segel gestrichen. Es zeichnet sich ein deutlicher Preistrend nach unten ab: E-Book-Reader, mit denen man wunderbar Texte lesen, aber sonst nicht viel tun kann, werden sich auf Dauer nur bei einem Preis von 100 Euro oder weniger einen Platz im Gerätepark der Leserinnen sichern können. Bookeen stattet sein Cybook Orizon mit WiFi, einem E-Ink-Display und Internetbrowser aus. Jedoch wird der Preis des ab Mitte Oktober erhältlichen Geräts wohl weit über 200 Euro liegen. Anders der Multimediaspezialist Trekstor: Das Unternehmen hat auf der Messe zwei Reader vorgestellt, die auch Videofilme und Audiodateien abspielen können. Und das zu Kampfpreisen ab 99 Euro. Allerdings setzt man dabei auf farbige LCD-Displays, auf denen Text vor allem bei Tageslicht nicht so gut zu lesen ist. Außerdem verringert sich die Akkulaufzeit drastisch (laut Hersteller rund 7 Stunden).

Die Grenzen zwischen E-Book-Readern und Multimedia-Spielern werden also unschärfer. Mit dem I-Pad von Apple steht zudem eine ganz neue Geräteklasse vor dem Durchbruch. Egal ob PC, Notebook, Netbook, Tablet, E-Reader oder Smartphone: Für die Verlage bedeutet diese verwirrende Vielfalt eine große Herausforderung, technisch und wirtschaftlich. Denn welche dieser Geräte sich letztlich zum bevorzugten Träger elektronischer Texte entwickeln werden, kann derzeit niemand sagen.

Sicher ist indes, dass Bücher zukünftig nicht allein auf Papier gedruckt, sondern über mehrere Kanäle publiziert und gelesen werden. Das hat Folgen für den gesamten Entstehungsprozess eines Buches. Fieberhaft wird denn auch weiterhin nach dem «idealen Workflow» gefahndet. Wo bislang ein automatisierter, medienneutraler XML-Workflow in greifbarer Nähe schien, macht sich zunehmend Pragmatismus breit – auch wenn viele Softwarehersteller immer noch eine Medienproduktion auf Knopfdruck versprechen. In der Praxis wird es ohne «Handarbeit» nicht gehen. Denn Texte werden nicht von Maschinen geschrieben, sondern noch immer von Autoren. Und die wollen schreiben und keine Word- oder XML-Schulungen machen. Auch die typografischen Anforderungen an gedruckte und elektronische Texte sind unterschiedlich.

  • Das A und O ist eine saubere Strukturierung der Eingangsdaten, in der Regel durch Formatvorlagen in Word. Dies ist eine originäre Aufgabe des Lektorats. Denn nicht selten sind Mängel in der Struktur der Manuskriptdatei Folgen inhaltlicher Unzulänglichkeiten.
  • Konzepte wie «XML-first» sind keine Patentrezepte, sondern Modelle oder Idealtypen. Sie dienen als Orientierung bei der Gestaltung der Abläufe – je nach Textart und individuellen Rahmenbedingungen.
  • Die Kenntnis der Bruchstellen und die optimale Koordination aller Beteiligten sind die Voraussetzungen dafür, dass elektronische Medien zukünftig wirtschaftlich hergestellt werden können.

Das kostet im Moment vor allem Zeit und Geld. Dennoch wäre es fatal, einfach so weiterzumachen wie bisher.

Die Messe geht noch bis zum 10. Oktober. Am Samstag und Sonntag sind die Hallen auch für das allgemeine Publikum geöffnet. Wer nicht nach Frankfurt fahren kann, findet auf den Seiten der Messegesellschaft Fotos, Videos, Podcasts und Medientipps. So kann sich jeder ein bisschen Buchmesse nach Hause holen.

About the author: Jörg Exner

Jörg Exner ist Lektor, Texter und Medienprofi mit Passion für sprachliche und typografische Feinheiten.

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